Zuerst dachte ich an reine Satire, als ich die Pressemitteilung des Deutschen Journalisten-Verbandes ("Berliner Erklärung gegen die Krise") las. Dann erkannte ich die bittere Wahrheit, daß wir uns wohl für ihn fremdschämen müssen.
Hier die DJV-PM im Wortlaut (ich hoffe, ich darf so offenherzig zitieren, ohne in die Mühlen des Abmahnwesens zu geraten) und ein paar Anmerkungen von mir.
DJV: "DJV-Verbandstag - Berliner Erklärung gegen die Krise"
> "Erklärung gegen die Krise"!? Das ist ja süß! So sehr hat der Deutsche Journalismus bereits die Diktion der Politik inhaliert. Erklärung gegen die Krise? Wie soll man denn eine Krise (weg)erklären? Wenn das ginge, hätten wir längst die Probleme der Welt gelöst. Die Probleme der Welt aber müssen durch Handeln, nicht durch Erklärungen gelöst werden, lieber DJV, durch Kreativität, Innovation und beherztes Handeln!
DJV: "10. Nov. 2009 - Mit großer Mehrheit haben die Delegierten des DJV-Verbandstags 2009 am heutigen Dienstag die „Berliner Erklärung zur Krise in den Medien“ angenommen. Darin verleiht der Deutsche Journalisten-Verband seiner Sorge Ausdruck, dass sich „die Rahmenbedingungen für einen verantwortungsvollen Qualitätsjournalismus weiter verschlechtern“."
> Nachdem, was ich gestern schrieb ("Der Journalismus ist das Problem, der Journalist die Lösung"), handelt es sich bei diesen "Rahmenbedingungen" wohl eher um den Journalismus selbst, der sich und seinem Erfolge im Wege steht. Die Tonalität der vorliegenden 'Erklärung' unterstreicht dies nur! Sie besteht weder aus Einsicht noch aus eigenverantwortlichem Handeln, sondern nur aus Forderungen.
DJV: "An den Gesetzgeber richtet sich die Forderung, neue wettbewerbs- und steuerrechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Position von Medien zu stärken, die sich der Qualität verpflichtet fühlen."
> Der Formulierung sei Dank. Ich dachte schon, der DJV wolle in die (Qualitäts-)Offensive gehen - aber nein, man muß sich nur der "Qualität verpflichtet fühlen", sie jedoch niemals anstreben, umsetzen gar. Wie auch, nach all der qualitäts-losen Zeit?
DJV: "Denkbar wäre etwa die steuerliche Absetzbarkeit von Zeitungsabonnements."
> "Denkbar" ... "wäre etwa". Noch mehr Politikertalk. Warum wird nicht konkret gefordert? Oben ging es doch auch (allgemein und wenig hilfreich). Traut sich der DJV nichtmal das?
Der FAZ-Abo-Preis beispielsweise liegt bei 474 Euro im Jahr. Da freut sich der durchschnittliche Kleinverdiener oder gar Hartz-IV-Empfänger.
Was nutzt ihm die steuerliche Absetzbarkeit, wenn er sich das Blatt selbst nichtmal leisten kann? Wenn hat der DJV mit diesen Ideen im Auge? Läßt er sich demnächst in Gänze von der INSM sponsorn?
Und, lieber DJV, irgendeine Idee für eine 'wettbewerbsrechtliche Forderung'? Nein? Dachte ich mir. Nur hinter vorgehaltener Hand und zugehaltener Türe.
DJV: "Zugunsten der Urheber müsse dafür gesorgt werden, dass sie auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten von ihrer Arbeit leben könnten."
> Können die anderen auch nicht, die nicht arbeiten. Leistung muß sich wieder lohnen? Oder doch nur Transfer?
DJV: "Vor medienpolitischen Weichenstellungen müsse die Bundesregierung eine Bestandsaufnahme über die Situation der Medien in Deutschland erstellen."
> Hat der DJV die Bestandsaufnahme nicht längst fertig? Und man müßte nur noch die Summe eintragen? Alle 'Bestandsaufnahmen' sind seit Jahren bekannt, wenn auch die offiziellen die Realitäten der Welt negieren oder gar konterkarieren.
DJV: Die politisch Verantwortlichen müssen mit ihren Entscheidungen der Bedeutung der Journalistinnen und Journalisten für die Demokratie gerecht werden“, forderte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken.
> Nun, dann müßte man sie wohl ausweisen oder einsperren, denn der heutige Journalismus ist demokratie-feindlich, weil er seine Rolle als 4. Gewalt nicht wahrnimmt. Auf Wiedersehen.
Interessant wäre diese Forderung doch auch für die 'wirtschaftlich Verantwortlichen', lieber DJV!?
Der heutige Journalismus unterstützt durch seine Lethargie die Lethargie der Politik, nicht mehr und nicht weniger.
DJV: "Im Journalismus sind von der gegenwärtigen Krise die Freien am stärksten betroffen. Weder Politiker noch Verleger dürfen die Hände in den Schoß legen."
> Was denn jetzt? Zuerst handeln sie und machen aus Festangestellten Freie - und jetzt ist das auch wieder falsch? Sie haben doch dafür gesorgt, daß mit niedrigeren Honoraren 'effizienter' gearbeitet werden kann. Krise hausgemacht? Zukunft weggelacht?
DJV: "Wir erwarten entschlossenes Handeln für den Erhalt des Qualitätsjournalismus.“
> Gefällt mir! "Wir erwarten entschlossenes Handeln ..."! Und wann wollt Ihr endlich selbst handeln? Wann werdet Ihr wach? Dornröschens!?
Wir - das Volk, die Gesellschaft, die, die Anwälte, eine 4. Gewalt brauchen - erwarten geschlossenes Handeln! Von Euch, den Journalistinnen und Journalisten des DJV!
DJV: "Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Hendrik Zörner Bei Rückfragen: Tel. 030/6831-30210, Fax: (030) 6831-25314"
> Mir kommen die Tränen: Fax? Keine Mail-Adresse? Internet? Web2.0? ...
In diesem Sinne: Get well soon, DJV!
UPDATE
11:35 Uhr > "Kurt Beck will Qualitätsjournalismus fördern", Zeit.
mediaclinique


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